Verschläft Deutschland die Digitalisierung

Die deutsche Krisenfestigkeit der 2000er basiert auf der Schlagkraft des gesunden Mittelstands. Doch wie lange können wir uns noch auf dieses Rückgrat verlassen? Deutschland droht wegen seines Normierungszwangs und seiner Schwerfälligkeit alter Traditionen zum ersten Mal eine wirkliche Gefahr, nämlich die, die Digitalisierung zu verschlafen und damit den Anschluss an den Weltmarkt zu verlieren, befürchtet Volker Altwasser vom Consultingunternehmen expertplace.

Mut für neue Wege ist gefragt

Auch wenn es bereits eine Vielzahl an theoretischen Abhandlungen und Begrifflichkeiten gibt, ist Industrie 4.0 nichts anderes als ein Synonym für die Digitalisierung von Produktionsprozessen und den Wertschöpfungsnetzwerken, in denen sich ein Unternehmen bewegt. Punkt, kein Komma.

Alle weiteren Informationen, die hierzu kursieren, sind Interpretationen eines einzelnen Experten, eines Unternehmens, eines Technologie-Anbieters oder eines „gemeinnützigen“ Think-Tanks um mitzureden, Aufmerksamkeit zu erhalten oder – leider eine typische deutsche Eigenschaft – erst einmal Normierungen zu schaffen. Und auch der hierzulande etablierte Ansatz, Berater und Dienstleister auf Basis von erfolgreichen Referenzprojekten auszusuchen und sich dann vom vermeintlich besten unterstützen zu lassen, kann nicht der richtige Weg sein. Die Gefahr dabei ist zu groß, zu einem Verfolger zu werden, statt Vorreiter  zu sein.

Die ohnehin prekäre Sachlage wird dadurch ein weiteres Mal erschwert, dass sich gerade die Säule unserer Wirtschaft, die mittelständischen Traditionshäuser in der Regel nicht als „Early Birds“ verstehen. So mancher wartet eben doch lieber ab - nach dem Motto: “Lassen wir doch erst einmal andere investieren und im Zweifel scheitern“. Tradition im Sinne von „Festhalten am Bestehenden“, wird intern wie extern als Gütesiegel verstanden.

Intern erhalten innovative Unternehmenslenker in allen Ebenen erst einmal wenig Unterstützung für neue Wege. Viele scheuen davor zurück, für die Reise ins Ungewisse die langjährige Komfortzone zu verlassen. Auch die Angst, Kunden könnten die neuen Strategien nicht annehmen und neue Partner wählen, spielt bei der Zurückhaltung eine Rolle. Dabei übersehen die Verantwortlichen, dass die Geschäftspartner dem digitalen Wandel ebenfalls unterworfen sind und in der Regel noch auf der Suche nach dem richtigen Weg. Und der kann nur gemeinsam begangen werden. 

Die Gefahr ist groß, zu einem Verfolger zu werden, statt Vorreiter zu sein.

Volker Altwasser Senior Management Consultant, expertplace networks group AG

Andere Traditionshäuser übrigens, die sich der Digitalisierung öffnen, werden hier schnell die Nase vorn haben und den zögerlichen Wettbewerb abhängen. Fakt ist auch: Unternehmen müssen sich von der Vorstellung lösen, Digitalisierung sei durch eine Idee oder eine Lösung eines Anbieters zu erreichen. Digitalisierung benötigt vielmehr Netzwerke im übertragenen Sinne. Schon nach der kreativen Phase und Prüfung digitaler Umsetzungsszenarien müssen Kunden und Zulieferer mit einbezogen werden um valide Wertschöpfungsnetzwerke als Basis der Entwicklung aufzubauen. Dabei stellt sich der positive Nebeneffekt sein, dass das Wertschöpfungsnetzwerk nicht nur gemeinsam entwickelt wird, sondern auch die Investitionskosten teilt. Erst wenn die Ansätze aus der Pilotphase in den Breiteneinsatz überführt werden sollen, sind auf der Seite der Lösungsanbieter wirkliche Partner zu suchen und zu etablieren. Kurzum: Statt mit einer langen Tradition zu prahlen, ist es höchste Zeit, diese selbstbewusst als Fundament für ein neues Gebäude einzusetzen. Nur ein Traditionshaus, das den digitalen Transformationsprozess jetzt anstößt, wird langfristig erfolgreich sein können. 

Denn schnell vergehen die Jahre, bis der erste Erfolg messbar ist. Dabei muss ein eigener Weg her, der die Geschäftspartner schon früh ins Boot holt. Und in 100 Jahren heißt es dann wahrscheinlich: Wir haben den Turnaround geschafft und so unseren Namen und unsere Anteile am Markt gefestigt. Wir blicken auf eine Tradition, deren Kern nun auch die Wandelbarkeit und den Mut neue Wege zu gehen ausmacht.

Erschienen in Der Betriebsleiter 9/2016